SEPTEMBER ELEVEN - Im Schatten der Terroranschläge

11. September 2001. Ein Linienflug von Frankfurt nach Chicago. Etwa eine Stunde vor der planmäßigen Landung ändert die Maschine abrupt ihren Kurs. Keiner der Passagiere kennt den Grund. Ein abenteuerlicher Irrflug, ausgelöst durch die Terroranschläge in den USA, beginnt.

 

In dieser Maschine saßen auch meine Frau, meine älteste Tochter und ich. Ein plötzlicher Todesfall in der Familie meiner Schwester, die in den Staaten lebt, war Anlass unserer Reise. Ich habe diese Erlebnisse in Form eines Tatsachenromans niedergeschrieben.

 

Leseprobe

 
 Fast zwei Stunden vergehen, bis alle Formalitäten erledigt sind, unser Fluggepäck wieder verteilt ist und man uns in einen Aufenthaltstrakt im Flughafengebäude führt. Vor dem Eingangsbereich postiert sich ein Wachmann, der offenbar die Aufgabe hat, uns Passagiere im Auge zu behalten. Noch immer kann ich mir darauf keinen Reim machen. Zwischenzeitlich haben einige Passagiere ihre Handys ausgepackt und beginnen zu telefonieren. Kurz darauf geistern erste Nachrichten und Kommentare durch die Halle.

     „Ein Flugzeug ist ins World-Trade-Center geflogen“, ruft einer.

     „Das World-Trade-Center steht aber in New York, wir wollten ja nicht nach New York fliegen, sondern nach Chicago“, höre ich einen anderen erwidern.

     Richtig, denke ich mir, und selbst wenn eine Maschine in ein Hochhaus in New York stürzen würde, wäre das doch kein Grund für eine Sperrung des Flughafens in Chicago und für unsere Landung in Kanada.

     Rosi versucht derweil, mit ihrem Handy Roland und Melanie in Deutschland anzurufen.

     „Das kannst du vergessen“, sage ich zu ihr, „unser Handy funktioniert hier nicht.“

     „Und wieso nicht?“

     „Die haben hier ein anderes Netz als in Deutschland.“

     „Aber die anderen Deutschen hier telefonieren doch auch alle“, erwidert sie und zeigt auf die umstehenden Passagiere.

     „Ja, aber die haben sicher ein Triband-Handy, das hier auch funktioniert. Wenn wir mehr Zeit gehabt hätten, hätte ich uns auch noch eins besorgt, aber so ...“

     „Und was machen wir jetzt? Wir müssen schließlich den Kindern und auch Sieglinde und Buck Bescheid sagen, wo wir sind.“

     „Du hast recht, Rosi. Hier gibt es sicher auch ein öffentliches Telefon. Ich besorge uns schnell mal eine Telefonkarte. Die wird man ja hier irgendwo kaufen können“, sage ich und will unseren Aufenthaltsbereich auf der Suche nach einer Telefonkarte verlassen. Aber der Wachpolizist hält mich zurück und gibt mir zu verstehen, dass ich den Aufenthaltsbereich nicht verlassen darf. Ich kann einfach nicht fassen, dass wir uns jetzt nicht einmal mehr frei bewegen dürfen, und gehe kopfschüttelnd zu den anderen zurück. „Das gibt´s doch nicht, die behandeln uns hier ja wie Gefangene“, schnaufe ich erbost.

     „Ich höre gerade, dass zwei Flugzeuge kurz nacheinander ins Trade-Center reingeflogen sind“, gibt der Hesse plötzlich lauthals von sich, und gleich darauf: „Ein Turm vom World-Trade-Center ist zusammengestürzt.“ Einige Zeit später höre ich ihn rufen: „Der zweite Turm ist auch eingestürzt. Das World-Trade-Center existiert nicht mehr.“

     „Jetzt geht die Phantasie aber völlig mit ihm durch“, entfährt es mir bei dieser unglaublich klingenden Botschaft. „Ich höre mir diesen Unsinn nicht länger an und frage mal die anderen Passagiere, ob die vielleicht eine Telefonkarte haben, die sie uns verkaufen können.“

     Ein Landsmann bietet mir spontan sein Handy für einen Anruf nach Deutschland an, aber die Leitung ist ständig besetzt und ich komme einfach nicht durch.

     „Kein Wunder, bei den Ereignissen sind sicher die Telefonnetze weltweit dicht“, sagt er. „Versuchen Sie es einfach immer weiter. Irgendwann kriegen Sie bestimmt eine Verbindung.“

     Nach dieser Bemerkung dämmert es mir, dass der Hesse eben vielleicht doch nicht übertrieben hat mit seiner Katastrophenmeldung. Endlich läutet es auf der anderen Seite.

     „Ja, wer ist dran?“, höre ich Roland nur kurz sagen, sonst nichts. Ein Zittern, das in seiner Stimme mitschwingt, lässt mich erahnen, was die beiden Zuhause für Ängste und Sorgen um uns ausgestanden haben müssen.

     „Hallo Roland“, sage ich, „ich bin´s, Papa.

     „Gott sei Dank ... ihr lebt“, höre ich ihn aufstöhnen und Melanie im Hintergrund hemmungslos weinen.

 

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