Der ehemalige Architekt Christian Stein steckt seit Jahren in einer schweren Lebenskrise, ausgelöst durch den Tod seines Sohnes, der ihn völlig aus der Bahn warf und beruflich scheitern ließ. Zudem wurde seine Frau Opfer eines mysteriösen Verkehrsunfalls, an dem er sich mit schuldig fühlt. Auch der Kontakt zu seiner Tochter ist seit längerer Zeit abgebrochen. Verzweifelt sucht er nach einem Ausweg, um seiner Einsamkeit zu entrinnen. Bei einem Abendspaziergang führt ihn sein Weg an einer alten Fachwerkbrücke vorbei, die für ihn in Kindertagen Abenteuerspielplatz für waghalsige Kletterpartien und später heimlicher Treffpunkt mit seiner Jugendliebe war. Wehmütigen Erinnerungen an längst vergangene Zeiten folgend klettert er noch einmal die Brücke hinauf. Dies löst ein außergewöhnliches Erlebnis für ihn aus.

 

 

  

Leseprobe

 

Kapitel 1: Die Brücke

 

Noch immer lag die schwüle Hitze des Spätsommertages wie eine unsichtbare Glocke über der Häusersiedlung, als Christian Stein spät abends vor die Haustür trat und sie hinter sich zuzog. Der Nachthimmel über ihm war förmlich mit Sternen übersät, die wie Diamanten auf blau-schwarzem Samt zu funkeln schienen. Der Mond, der sich noch halb hinter den Gipfeln des kleinen Ortes inmitten einer hügeligen Berglandschaft versteckte, tauchte die Umgebung in ein fahles Licht und erzeugte von Häusern, Sträuchern und Bäumen diffuse Schattenbilder. Nur für einen kurzen Moment gelang es ihm, dieses beeindruckende Bild zu genießen, bis ihn laute Partymusik und ein undefinierbares Stimmengewirr, das vom Nachbargrundstück zu ihm herüberdrang, an Werners Geburtstag erinnerten. Werner feierte ihn wie immer bei schönem Wetter draußen im Garten. Natürlich hatten sie auch ihn dazu eingeladen, denn Sie hatten schon lange eine gute nachbarschaftliche Beziehung und halfen sich gegenseitig, wenn wieder mal eine Hecke zu schneiden war oder wenn es etwas zu reparieren galt. Trotzdem war ihm nicht nach Feiern zumute gewesen. Er hatte daher eine Magenverstimmung als Entschuldigung vorgeschoben, aber zugesagt, dass er vielleicht doch noch vorbeikommen würde, wenn es ihm wieder besser ginge. Aber er verspürte weder Lust, ihnen eine nicht vorhandene Fröhlichkeit vorzugaukeln, noch wollte er jemand mit der undefinierbaren Traurigkeit tief in ihm, die ihn schon lange nicht mehr losließ, die gute Laune verderben. So versuchte er, sich klammheimlich, fast wie ein Dieb, von seinem Grundstück in die kleine Seitenstraße zu schleichen und war froh, als er unbemerkt um die Ecke biegen konnte. Sein Weg führte ihn die Straße hinunter zur Poststelle, wo er den Brief an Daniela in einen der beiden Briefkästen einwerfen wollte. Obwohl er wusste, dass die Kästen morgen erst um die Mittagszeit geleert werden würden, wollte er ihn unbedingt noch heute loswerden. Der Brief an seine Tochter war ihm wichtig und sollte auf jeden Fall schnellstmöglich seine Empfängerin erreichen. Doch als er vor dem Briefkasten stand, zögerte er für ein paar Sekunden und steckte ihn schließlich wieder in seine Hosentasche. Warum, das wusste er selbst nicht. Gedankenverloren ging er ohne auf den Weg zu achten einfach weiter, an der stillgelegten Bahnstrecke entlang bis zu der alten Eisenbahnbrücke, die das enge Tal überspannte. Erst jetzt nahm er seine Umgebung wieder bewusst wahr. Ob es der merkwürdige Traum letzte Nacht war, der ihn hierher geführt hatte? Die alte Fachwerkbrücke war ihm im Laufe seines Lebens zu einem lieb gewordenen Ort der Erinnerungen geworden. Schon in Kindertagen hatte sie ihnen als Abenteuerspielplatz gedient, wenn sie verbotenerweise vom Brückenfundament aus den stählernen Brückenbogen, der die darüber führenden Bahngleise trug und wie ein großes Rundtor das enge Tal überspannte, waghalsig nach oben kletterten, mal als edle und mutige Indianer, mal als verwegene Cowboys oder als tapfere Ritter. Mit stolz geschwellter Brust saßen sie dann auf dem Bogen über dem Tal, durch das sich die Bürde, in diesem Bereich noch ein kleiner Bach, unter ihnen ihren Weg suchte und die sie im Sommer gerne mit Kieselsteinen aus dem Bachbett an einer etwas breiteren Stelle aufgestaut hatten, um dann nach Herzenslust in ihrem selbst gebauten Badesee zu plantschen. Wenn ein Zug dicht über ihren Köpfen über die Fachwerkbrücke donnerte und die ganze Brückenkonstruktion erzittern ließ, rutschte ihnen zwar für einen Augenblick das Herz schlagartig in die Hose. Sie umklammerten dann die Stahlträger noch ein wenig fester, um sich hinterher umso mehr über ihren Mut und ihre Tapferkeit zu freuen. Die Eltern durften davon natürlich nichts erfahren, denn das hätte für sie alle seinerzeit unweigerlich eine gehörige Tracht Prügel und obendrein eine Ausgangssperre zur Folge gehabt. Dennoch eine wunderschöne und unbeschwerte Zeit damals, die ihm im Rückblick nach über fünfzig Jahren wie ein kostbarer Schatz erschien.

Ein paar Jahre später, als er seine spätere Frau Helga kennengelernt hatte, war er auch mit ihr manchmal in den Brückenbogen geklettert, aber nur noch ein kleines Stück bis zur ersten senkrechten Stahlstütze, weil sie Angst hatte, weiter hinaufzusteigen. Dort saßen sie dann eng umschlungen, küssten sich und genossen den Ausblick über das Tal.

Ein letztes Mal, vor etwa acht Jahren, war er mit seinem Sohn Tobias hier oben gewesen. Hier hatten sie gemeinsam den Plan geschmiedet, nach Tobias Studienabschluss das komplette Tal von der Quelle bis zur Mündung der Bürde zu durchwandern. Nur ein kleines Zelt und zwei Schlafsäcke wollten sie mitnehmen, um dann irgendwo im Talgrund zu übernachten. „Es wird wohl für dich und mich das letzte gemeinsame Abenteuer gewesen sein, bevor du dich ins Berufsleben stürzen wirst“, hatte er zu Tobias gesagt.

„Ja, Papa, das fürchte ich auch“, hatte der ihm erwidert. „Umso mehr freue ich mich schon darauf.“

Doch dann war alles anders gekommen.

 

 

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