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Maria Behrmann, Leiterin der Forschungs- und Entwicklungsabteilung eines großen Unternehmens, gerät eines Tages in einem Park mit einem fremden Mann in Streit und ergreift, von seinem Benehmen völlig entnervt, schließlich die Flucht vor ihm. Doch am nächsten Abend steht der Fremde plötzlich vor ihrer Wohnungstür. Eine Begegnung, die ihr bisheriges Leben völlig verändern wird.

 

 

 

 

 

 

 

Leseprobe

 

„Ich muss noch raus zu meinen Kindern. Sie warten wie jeden Abend auf mich“, schob Josef nach und griff nach einer Gitarre, die an der Wand hing.

 

     Ich schüttelte ungläubig den Kopf. „Du willst ihnen doch wohl kein Gute Nacht-Konzert geben?“

 

     „Genau das, Maria“, erwiderte er grinsend.

 

     „Sag mal, kann es sein, dass du ein Glas zu viel getrunken hast?“

 

     „Schon möglich, aber das ändert nichts daran, dass sie Schlaflieder genau so lieben wie kleine Kinder. Richtige Kinder habe ich leider keine, aber meine Tiere liebe ich genau so. Sie warten schon sehnsüchtig auf mich, und bevor ich ihnen nicht etwas vorgespielt und vorgesungen habe, gehen sie auch nicht schlafen.“

 

     Ich schüttelte lachend den Kopf. „Du bist schon ein Verrückter, aber irgendwie gefällt mir das auch. Darf ich mitkommen?“

 

     „Meinetwegen, aber ich sage dir gleich, ich kann weder gut Gitarre spielen noch gut singen, aber die Tiere bestehen trotzdem darauf.“

 

     Ich grinste ihn an. „Na ja, dann wird ´s vielleicht doch nicht so schlecht sein, ich meine, wenn sie es freiwillig aushalten.“

 

     Wir gingen zusammen in den benachbarten Stall, wo uns die Hunde schon schwanzwedelnd entgegenkamen und sich vor Josef niederließen, der sich mit seiner Gitarre auf einen Heuballen setzte. Auch die Katzen strichen schnurrend um seine Beine. Ein schwarz-weiß geflecktes Kätzchen legte sich zwischen die Vorderpfoten eines Cockerspaniels und ließ sich genüsslich von ihm abschlecken.

 

     „Das sind Susi und Strolch“, erklärte Josef. „Strolch hat Susi eines Tages als kleines Kätzchen von einem seiner Streifgänge durch die Gegend hier angeschleppt und sich seitdem wie eine Glucke um sie gekümmert. Vermutlich wurde sie ausgesetzt, wie so viele Tiere hier, weil sie ihren Besitzern zu alt, zu krank oder einfach nur lästig geworden sind. Manche haben sich auch von ganz alleine hier eingefunden, weil sie gemerkt haben, dass ich ihnen nichts tue und mich um sie kümmere. Mittlerweile ist meine Hütte hier in der Gegend als eine Art Waisenhaus für alte, kranke und verlassene Tiere bekannt. Die Leute bringen mir auch schon mal ein Tier vorbei, das ansonsten beim Schlachter landen oder eingeschläfert werden würde. Und so ist meine tierische Familie im Laufe der Jahre halt immer größer und mein Geldbeutel dafür umso schmäler geworden. Aber das, was mir die Tiere mit ihrem Vertrauen, mit ihrer Anhänglichkeit und mit ihrer Liebe zurückgeben, ist für mich weitaus wertvoller als alles Geld der Welt. Bei meinen Mitmenschen habe ich so etwas jedenfalls nie verspürt.“ Ein Hauch von Traurigkeit lag bei diesen Worten in seinem Blick. „Ich weiß nicht, ob du das verstehen kannst, Maria, aber ich habe beim Umgang mit Tieren viel mehr Tugenden an ihnen entdeckt als bei den Menschen. Man könnte fast sagen, dass die Tiere diesbezüglich zu einer Art Lehrmeister für mich geworden sind.“

 

     Obwohl ich Josefs Ausführungen für stark überzogen hielt schwieg ich. Erst jetzt bemerkte ich, dass die vor der Hütte stehende Voliere auch ein Stück weit in den Stall hineinragte und die noch kurz zuvor laut zwitschernden Vögel jetzt erstaunlich ruhig auf ihren Stangen saßen. Nur die Gans stand schnatternd neben Josef und beäugte mich mit argwöhnischen Blicken, während sich auch die Hasen und Meerschweinchen im Stall ein ruhiges Plätzchen suchten.

 

     „Reg dich nicht auf, Agathe“, versuchte Josef sie zu beruhigen. „Die Maria ist heute Abend bloß zu Gast hier und bleibt auch nicht lange. Nun hör schon auf, so zu meckern, schließlich bist du keine Ziege, du blödes Vieh.“ Agathe verstummte tatsächlich. „Sie mag keine Fremden, musst du wissen, und Frauen schon gar nicht, denn sie ist schrecklich eifersüchtig. Agathe ist ein Findelkind, das ich großgezogen habe. Seither lässt sie mich kaum aus den Augen. Sie ist immer um mich herum und sicherlich stinksauer darüber, weil ich sie heute im Stall verfrachtet habe, bevor du kamst. Agathe ist sehr eigenwillig. Sie sitzt neben mir, pickt von meinem Teller und liegt auch schon mal in meinem Bett, wenn ich nicht aufpasse. Sie hätte uns bestimmt den ganzen Abend vermiest, wenn ich sie in der Hütte gelassen hätte.“

 

     „Du meinst allen Ernstes, dass eine Gans eifersüchtig auf einen Menschen wie mich ist?“

 

     „Ja. Das Problem bei Agathe ist, dass sie nicht weiß, dass sie eine Gans ist und sich für meine Partnerin hält.“ Er stockte kurz und fuhr dann grinsend fort. „Na ja, sie duldet keine anderen Weiber neben mir, womit ich natürlich nicht sagen will, dass sie dich für eine Gans hält.“

 

     „Womöglich noch für eine dumme“, erwiderte ich trocken, worauf wir beide in schallendes Gelächter ausbrachen.

 

     „Hör zu, Maria, drei Kinderlieder stehen wie jeden Abend auf dem Programm. Immer die gleichen, also ´Guten Abend, gute Nacht`, danach ´Heidschi bumbeidschi` und zum Schluss noch das ´La-le-lu`. Kennst du die Texte noch von früher?“

 

     Ich zuckte grinsend mit den Schultern. „Ich bin mir nicht sicher, meine Kindheit liegt schließlich schon ein paar Jahre zurück.“

 

     Er lachte. „Was soll ich dann erst sagen? Wundere dich daher bitte nicht, dass ich den Text stellenweise einfach frei interpretiere. Die Tiere haben sich jedenfalls bis heute noch nicht darüber beschwert.“ Als er die Gitarrensaiten sanft anzuschlagen und mit seiner rauen Stimme zu singen anfing, hingen die Augen der Tiere förmlich an seinen Lippen. Ein paar Vögel in der Voliere versuchten auf ihre Weise, in einer Art Chor mit einzustimmen, und mich überkam plötzlich eine Gänsehaut. Erinnerungen an meine Kindheit wurden wieder wach und ich konnte einfach nicht verhindern, dass mich die Wehmut ergriff und ich irgendwann einfach mitzusingen begann. Früher hatte ich ein paar Jahre im Chor gesungen, sodass es kein Problem für mich war, mich Josefs Stimmlage anzupassen. Das ungewohnte Duett kam wohl bei den Tieren sehr gut an, denn schon bald strichen auch mir ein paar Hunde und Katzen um die Beine. Selbst Agathe warf mir einen wohlwollenden Blick zu. Nachdem er die Lieder zu Ende gespielt hatte, klatschte Josef in die Hände und sagte: „So, Kinder, genug für heute. Es ist schon spät. Nun geht mal alle schön schlafen.“ Dann bedeutete er mir, die Scheune zu verlassen, nahm die Gitarre, löschte das Licht und zog die Tür hinter sich zu. Nur Agathe watschelte neben uns zurück ins Haus und pickte mir ein paar Mal in die Schuhe, als ich mit reingehen wollte.

 

     „Was hat sie denn auf einmal?“, fragte ich.

 

     Er grinste. „Agathe meint wohl, dass du jetzt lange genug hier warst und unsere traute Zweisamkeit nicht länger stören solltest.“

 

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