Eine spannende Geschichte aus den fünfziger Jahren, zur Zeit der wirtschaftlichen Angliederung des Saarlandes an Frankreich.

Eine Frau in den mittleren Jahren kann nach dem Tod ihres Mannes von der geringen Witwenrente alleine nicht leben. Sie erfährt, dass das erhoffte Geld aus einer Lebensversicherung, die er zu ihren Gunsten abgeschlossen hatte, bereits ein paar Jahre vor seinem Tod ausgezahlt wurde und spurlos verschwunden ist. Sie nimmt daher eine Arbeit in einem Waisenhaus an und schließt dort ein kleines Mädchen in ihr Herz. Doch haben ihre Bemühungen, das Kind bei sich zu Hause aufnehmen, auch Erfolg?

Auf unerklärliche Weise tauchen nach einiger Zeit Briefe ihres verstorbenen Mannes auf, in denen er ihr ein dunkles Geheimnis verrät. Die Briefe sind echt und wurden erst nach seinem Tod verfasst, aber kann der Geist eines Verstorbenen tatsächlich noch Briefe schreiben? Entsprechen seine Angaben auch der Wahrheit und von wem wurde ihr die Post übermittelt? Viele Fragen, auf die sie verzweifelt eine Antwort zu finden versucht.

 

Taschenbuch 220 Seiten, Preis 8,80 €

Verlag Books on Demand GmbH

ISBN 978-3744823241

 

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Leseprobe „Geisterpost“

 

 ....

 

Darf ich mit dir auf den Friedhof kommen, Tante Ursula“, fragte Monika und sah sie er­wartungsvoll an.

 

Obwohl sie wusste, wie gerne ihre Nichte mit der Straßenbahn fuhr und vermutlich auch nur deshalb mitkommen wollte, schüttelte sie den Kopf.

 

Nein, heute nicht“, nahm ihr Helga die Antwort aus dem Mund. „Du kannst ein ande­res Mal mit Tante Ulla mitgehen. Außerdem musst du ja auch noch deine Hausaufgaben machen. Wir gehen gleich zusammen rüber, denn ich muss auch noch kochen. Heute gibt es Bohnensuppe und Pfannkuchen. Kommst du nachher zum Essen zu uns, Ulla?“

 

Nein danke, esst ihr heute mal in Ruhe ohne mich. Ich habe noch ein großes Stück Brot und auch noch etwas Kochkäse übrig, und das genügt mir vollkommen, wenn ich vom Friedhof zurückkomme.“

 

Wie du willst“, erwiderte ihre Schwägerin. „Karl und ich kommen dann morgen Nachmit­tag zu dir.“ Beim Rausgehen warf sie einen Blick auf den Rosenstrauch vor dem Küchen­fenster. „Der Strauch hier hat dieses Jahr über­haupt nicht geblüht. Jammerschade, denn um die herrlichen roten Rosen habe ich euch im­mer ein bisschen beneidet. Was ist denn mit ihm?“

 

Ursula zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung, um den hat sich eigentlich Norbert immer gekümmert. Manchmal glaube ich, dass selbst der Rosenstrauch um ihn trauert. Wenn er nächstes Jahr auch nicht mehr blüht, kann Karl mir dabei helfen, ihn auszumachen.“

 

„Klar, aber vielleicht erholt er sich ja auch wieder. Also dann bis morgen.“

 

Nachdem Helga und Monika gegangen wa­ren, zog sie das schwarze Kleid an, das sie sich für Norberts Beerdigung gekauft hatte. Dann verstaute sie das Heidekraut, die Kerze und die kleine Harke in einem Einkaufsnetz, griff sich die Gießkanne und ihre Handtasche und ver­ließ das Haus in Richtung Oberer Markt. Vor dem Gasthaus Hopfenblüte stand ein mit Bier­fässern beladenes Pferdefuhrwerk der Schloss­brauerei. Der Kutscher warf ein Strohkissen auf den Boden hinter der Wagenpritsche und rollte dann ein Bierfass herunter, das genau auf das Kissen fiel. Sein Gehilfe band sich eine Lederschürze um und trug das Fass in die Wirtsstube, während der andere mit einer spit­zen Harke ein paar Eisstangen zum Kühlen von der Pritsche zog. Einige Kinder standen daneben und warteten sehnsüchtig darauf, dass die Stangen vom Wagen fallen und ein paar Eisstücke absplittern würden. Der Kutscher wusste das natürlich und verfehlte daher schmunzelnd bei der letzten Stange mit Ab­sicht das Strohkissen, worauf sich die Kinder wie auf Kommando auf die quer über das Kopfsteinpflaster rutschenden Eisstücke stürz­ten, um mit ihrer Beute schnell um die nächste Ecke zu verschwinden. Hastig steckten sie die Eisbrocken in den Mund und begannen sie zu zerkauen, um sie dann genussvoll im Mund zergehen zu lassen.

 

An der Straßenbahnhaltestelle warf Ursula einen Blick auf den Fahrplan. Sie hatte Glück und brauchte nicht lange zu warten. Der Wa­gen war um diese Zeit ziemlich voll, aber ein junger Mann stand gleich auf und bot ihr sei­nen Sitzplatz an. Sie löste beim Schaffner ei­nen Fahrschein bis hoch zur Station auf der Scheib und bezahlte mit einer hundert Franken Münze. Der Schaffner, ganz ins Gespräch mit einem anderen Fahrgast vertieft, nahm die Münze ohne hinzuschauen und steckte sie ziel­sicher in eines der Magazine des Münzwechs­lers an seiner Schaffnertasche. Aus einem an­deren Magazin entnahm er zwei zwanzig Fran­ken Münzen und drückte sie Ursula in die Hand, noch immer ohne den Blick vom ande­ren Fahrgast abzuwenden. Galoppwechsler nennt man so ein Ding, hatte ihr Norbert mal erklärt, aber warum das so hieß, das wusste er auch nicht. Die Geschicklichkeit des Mannes imponierte ihr. Wenn ich das jeden Tag so oft machen müsste, dann würde ich die Münzen sicher genau so mit der bloßen Hand erkennen und wüsste auch, wo man sie hineinstecken und wie viel man herausgeben muss, kam ihr in den Sinn. Irgendwie erinnerte sie der in seiner Schaffneruniform etwas steif wirkende Mann an einen englischen Butler. Ob er wohl verhei­ratet ist?, dachte sie. Als er sich im selben Mo­ment zu ihr umdrehte, um sich mit einem freundlichen Nicken für das Fahrgeld zu bedanken, errötete sie, nachdem ihr bewusst wurde, dass sie sich zum ersten Mal seit Nor­berts Tod in Gedanken mit einem anderen Mann beschäftigt hatte. Seinen fragenden Bli­cken wich sie mit einem Blick aus dem Fenster auf eine große Tafel mit Wahlplakaten aus. Ende Oktober würde überall im Saargebiet eine Volksabstimmung zum Saarstatut stattfin­den, aber was es damit eigentlich auf sich hat­te, wusste sie nicht so genau. Seit Norberts Tod kreisten ihre Gedanken ohnehin um alles andere als um Politik, für die sie sich auch sonst nie sonderlich interessiert hatte. Karl hat­te ihr zwar vor ein paar Tagen erklärt, dass es bei der Abstimmung darum ginge, dass das Saargebiet bis zum Abschluss eines Friedens­vertrages einen europäischen Status erhalten solle. Aber auf ihre Frage, was das denn ei­gentlich zu bedeuten hätte und was denn wäre, wenn die Leute dagegen stimmen würden, konnte er ihr auch keine richtige Antwort ge­ben und hatte nur den Kopf geschüttelt. Ob sie denn nicht auch wolle, dass das Saargebiet wieder zu Deutschland komme, hatte er ihr stattdessen beinahe mürrisch erwidert. Sie er­innerte sich daran, dass es so etwas auch schon mal in den Dreißiger Jahren gab, als dieser Hitler in Deutschland an die Macht kam, der diesen grausamen Krieg angezettelt hatte. Seit­dem hatte sie schreckliche Angst vor einem neuen Krieg und jedes Vertrauen in Politiker verloren. Sie verstand auch nicht, wieso es bis heute und damit über zehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges noch im­mer keinen Friedensvertrag gab, obwohl doch zum Glück Frieden herrschte. Der Dicke muss weg, darum NEIN mit der DPS war auf einem Plakat zu lesen und Die Saar bleibt deutsch auf einem anderen. Andere Parteien wie die SPS warben mit Nie wieder Krieg - darum wähle europäisch. Sehr beeindruckend fand sie ein Plakat, auf dem die Silhouette eines Adlers in einem blutroten Himmel zu sehen war, der über einem dunklen Kriegsgräberfeld schwebte, aus dem im Vordergrund der Schä­del eines toten Soldaten ragte. Sie sind wieder da - die Nationalisten. Nicht mehr da sind 52 Millionen Tote des letzten Krieges!, war auf dem Plakat zu lesen. Und so etwas darf auch nie wieder passieren, dachte sie. Abrupt wurde sie aus ihren Gedanken gerissen, als die Stra­ßenbahn an der nächsten Haltestelle ruckartig stoppte und sie dabei fast von der glatten Sitz­bank rutschte. Auf der abschüssigen Fahrtstre­cke fuhr der Triebwagen weiter durch die Hohlstraße hinunter zum Heusnersweiher. So sehr sie sich auch bemühte, während der Fahrt ruhig sitzen zu bleiben, immer wieder rutschte sie trotzdem hin und her, wenn der Wagen durch eine der vielen Kurven fuhr oder brems­te und beschleunigte. Unten am Heusnerswei­her wurde gerade ein altes Kettenkarussell ab­gebaut. Von der Neunkircher Kirmes hatte sie dieses Jahr überhaupt nichts mitbekommen. Obwohl sie früher gerne mit Norbert auf die Kirmes ging, hatte sie dieses Jahr darauf ver­zichtet, auch wenn sie eigentlich gerne mit Karl, Helga und den Kindern mitgegangen wäre, um wenigstens für ein paar Stunden auf andere Gedanken zu kommen. „Es ist sehr nett von euch, dass ihr mich mitnehmen wollt, aber ich würde euch doch nur den Spaß verderben. Mir steht einfach nicht der Kopf danach, und ich will mir auch von niemand nachsagen las­sen, mich schon kurz nach Norberts Tod als lustige Witwe zu amüsieren“, hatte sie Helga und Karl erklärt.

 

Auf der steilen Strecke zur Scheib hinauf sah sie zwei Männer einen großen Haufen Kohle auf dem Trottoir durch ein schmales Kellerloch in einen Koh­lenkeller schaufeln. Dabei fiel ihr ein, dass sie  unbedingt in den nächsten Tagen auch mal Zu­hause nachschauen musste, ob ihr Kohlenvor­rat für den nächsten Winter reichen würde, denn mit dem Ende der Kirmes endete auch bald die warme Jahreszeit. Um den Hausbrand und andere Dinge hatte sich Norbert früher im­mer gekümmert, aber jetzt … Schlagartig ver­spürte sie es wieder, das Gefühl von Leere und Verlassenheit, das sie seit Monaten ständig be­gleitete und ihr nur ab und zu etwas Ruhe gönnte.

 

An der Haltestelle auf der Scheib stieg sie aus und ging ein Stück die Straße hin­auf, die am Waisenhaus vorbeiführte. Ein paar Heimkinder standen am Zaun und streck­ten ihr schon erwartungsvoll die Hände durch das Zaungitter entgegen. Sie hatten nicht verges­sen, dass sie ihnen seit ein paar Wochen immer ein paar Bonbons aus ihrer Handtasche zu­steckte, wenn sie zum Friedhof ging. Seither warteten sie jeden Freitag um die gleiche Zeit auf sie. Ursula hatte daher gestern in der Bä­ckerei in der Karlstraße eine Tüte mit Schaum­bonbons gekauft, die nicht allzu teuer waren. Die kramte sie jetzt aus ihrer Handtasche und versuchte, sie möglichst gerecht unter den Kindern zu verteilen, was ihr nur halbwegs ge­lang und bei einigen, die nichts abbekommen hatten, traurige Blicke und ein paar Tränen auslöste. Ein kleines Mädchen von etwa drei Jahren zupfte sie durch den Zaun am Kleid. „Nimmst du mich mit zu dir nach Hause, Tan­te?“, fragte sie. ...