Die Krake Traurigkeit

 

Schon lange trage ich sie mit mir herum, diese Traurigkeit, tief in mir. Ich weiß nicht mehr, wann ich sie zum ersten Mal bewusst verspürt habe, doch es kommt mir vor, als wäre es schon eine Ewigkeit her. Und doch kann ich mich noch erinnern an den kleinen Jungen, der in der Lage war, sich unbeschwert am Leben zu freuen, an eine heile Welt zu glauben, an Menschen, die es gut mit ihm meinen, die ihn behüten und beschützen, die ihn vor Unrecht bewahren, nicht nur ihm, sondern alle Geschöpfe auf diesem Planeten. Eine unvergleichlich schöne kindliche Naivität, die ich mir wie einen kostbaren Schatz bewahren möchte, tief in mir. Doch er ist in Gefahr, erdrückt zu werden von den Fängen einer mächtigen Krake namens Traurigkeit, die sich irgendwann in mir zu regen und zu sprießen begann. Zuerst nur wie ein zartes Pflänzchen, lange unbemerkt oder als völlig unbedeutend deklariert, von keinem anderen als von mir selbst. Es ist schließlich nicht ungewöhnlich, dass man mal nicht so gut drauf ist, nicht so gut gelaunt ist und sich nicht so freuen und genießen kann wie die anderen. Kein Grund zur Sorge also, das geht vorbei. Doch es ging nicht vorbei, abgesehen von ein paar unvergesslichen Ausnahmen, die bekanntlich die Regel bestätigen. Doch sie sind immer weniger, immer spärlicher geworden, diese Ausnahmen, Tag für Tag, nur ein kleines bisschen, aber doch. Die Regel hat sich endgültig durchgesetzt und braucht offenbar kaum noch eine Bestätigung durch Ausnahmen. Und so ist aus dem zarten Krakenpflänzchen tief in mir im Laufe der Zeit eine mächtige Krake entstanden, die ihre Tentakeln wie die Wurzeln eines Baumes jeden Tag ein kleines Stück tiefer in mich gräbt und sich festkrallt, genau so, wie sie ihre Beute tief unten im Meer fängt, sie umklammert und sich an ihr festsaugt, um sie zu vernichten. Alle Versuche, mich nach Kräften dagegen zu wehren, scheitern kläglich. Ich finde kein Mittel, um mich aus diesen Fängen zu befreien, genau so wenig wie es die Beute in den Fängen der Krake tief unter dem Meeresspiegel vermag. Und trotzdem will ich nicht aufgeben, will kein Opfer werden von diesem Ungeheuer namens Traurigkeit, tief in mir. Doch die Krake wächst jeden Tag ein kleines Stückchen mehr, weil sie unaufhörlich gefüttert wird und versucht, den Platz in mir völlig auszufüllen und alles andere in mir zu verdrängen. Wie kann ich verhindern, dass sie weiter wächst, immer weiter, Tag für Tag? Gibt es überhaupt ein Mittel dagegen und was nährt sie eigentlich, diese unersättliche Krake? Lange habe ich vergeblich nach einer Antwort gesucht, sehr lange sogar, doch jetzt kenne ich sie, die Antwort darauf, die schrecklich einfach und einfach schrecklich zugleich ist. Es ist der Wolkenbruch an Traurigkeit, der jeden Tag unaufhörlich auf unseren Planeten niederprasselt und, so scheint es mir, sintflutartige Ausmaße angenommen hat, auch in mir. Es sind die unbeschreiblichen Grausamkeiten, unter denen Unzählige leiden müssen, jeden Tag, ohne Ausnahme. Es ist grenzenloser Hass und ideologisch entfachter Wahnsinn, der die Folterschergen dazu antreibt, genährt von einer unersättlichen Gier nach Macht und Einfluss. Es ist die Missachtung ethisch-moralischer und humanitärer Grundsätze, ohne die es niemals Ruhe und Frieden geben kann, weltweit nicht. Ruhe und Frieden, nach denen sich viele so sehnen und dennoch so viele glauben, selbst nichts dafür tun zu müssen. Es ist der Neid und die Missgunst anderen und anderem gegenüber, die das unheilvolle Feuer unermüdlich schürt, im Kleinen wie im Großen. Es ist die grenzenlose Gier nach der Befriedigung eigener Wünsche und Bedürfnisse, nicht selten ohne Rücksichtnahme auf andere. Es ist das nicht wahr haben wollen, dass jeder von uns, selbst wenn er das allerkleinste Rädchen im Getriebe der Mitmenschlichkeit darstellen sollte, seinen Beitrag dazu leisten muss, damit es dauerhaft und störungsfrei rund läuft, das Getriebe namens Mitmenschlichkeit, für jeden von uns, weltweit. Es ist die Missachtung von Tugenden bis hin zur Verachtung derselben, die uns emotions- und teilnahmslos das Leid anderer ertragen lässt. Es ist die zunehmende Verrohung in unserer Gesellschaft, synchron einher gehend mit einer zunehmenden geistigen Verarmung, durchaus nicht unbeabsichtigt von denen, die unsere Geschicke zum Wohle aller lenken sollten, die aber in Wahrheit oft nur ihr eigenes Wohl im Auge haben. Doch was kann ich dagegen tun, ich, das kleinste Rädchen in einem gigantisch großen Getriebe? Unendlich wenig, bestenfalls. Also doch lieber entspannt zurücklehnen und die Augen verschließen vor dem Elend, gerade so wie die drei Affen, die sich weigern, Böses zu sehen, zu hören und zu sprechen? Nein, das will ich nicht! Oder stattdessen alles, was ich besitze, aufgeben, es opfern für diejenigen, die unendlich viel weniger besitzen als ich? Den Rest meines Lebens nur noch aufopferungsvoll den Bedürftigen auf dieser Welt widmen? Nein, das schaffe ich nicht, beim besten Willen nicht. Aber warum eigentlich nicht oder ist es ganz einfach nicht der beste Wille? Gut möglich, doch das kleine Rädchen in dem gigantisch großen Getriebe weiß darauf keine richtige Antwort, leider, aber es weiß zumindest, dass es sich weiter darum bemühen muss, sich richtig herum zu drehen und nichts zu blockieren, zum Guten hin. Und das will es auch, zumindest in bescheidenem Maße - zugegebenermaßen fast vernachlässigbar, und doch nicht ganz. Und es setzt dabei viel mehr noch auf alle anderen, ganz gleich, wie klein oder wie groß sie sind. Wäre es nicht vielleicht doch zu schaffen, wenn wir alle in bescheidenem Maße - fast vernachlässigbar, und doch nicht ganz ...?

 

Ob ich selbst eine realistische Chance haben werde, damit die Krake Traurigkeit in mir wenigstens soweit im Zaum zu halten, dass sie noch ein kleines bisschen Platz übrig lässt für meinen naiven Schatz aus der Kindheit? Ich weiß es nicht, aber ich will die Hoffnung, die bekanntlich zuletzt stirbt, nicht aufgeben. Noch nicht!

 

Raimund Eich